Tabletop Exercise Ransomware: Anleitung und Szenarien
Ein Tabletop Exercise ist eine Krisenübung am Konferenztisch: kein echter Angriff, keine echten Systeme, aber echte Entscheidungen, echte Kommunikationsketten und echte Lücken, die ans Licht kommen.Für Ransomware-Szenarien ist das Tabletop Exercise besonders wertvoll, weil es genau die Fragen stellt, die im Ernstfall unter Zeitdruck beantwortet werden müssen: Wer entscheidet, ob wir zahlen? Wie melden wir den Vorfall ans BSI? Wie stellen wir wieder her, wenn auch der DR-Plan-Ordner auf dem SharePoint verschlüsselt ist?Diese Anleitung erklärt Vorbereitung und Durchführung, inklusive drei vollständiger Szenarien mit Diskussionsfragen und Auswertungsrahmen.---
Ein Tabletop Exercise (TTX) ist eine diskussionsbasierte Übung, bei der Schlüsselpersonen ein Incident-Szenario durchspielen, ohne physische Aktionen an echten Systemen durchzuführen. Im Mittelpunkt steht die Entscheidungsfindung: Wer trifft welche Entscheidung, nach welchem Prozess, mit welchen Informationen?
Offenbart Lücken in Incident-Response-Plänen, bevor ein realer Vorfall das tut
Testet Kommunikationsketten und Eskalationswege
Macht Verantwortlichkeiten im Krisenfall konkret (statt auf dem Papier zu lassen)
Schult Teilnehmer in Krisenentscheidungen unter Zeitdruck
Erzeugt Audit-Evidenz für NIS2-Compliance (§30BSIG in der Fassung des NIS2UmsuCG: Risikomanagement umfasst Backup-Management und Krisenmanagement, deren Wirksamkeit nachweisbar sein muss)
Es ist Dienstag, 06:47 Uhr. Der erste Mitarbeiter, der sich einloggt, sieht eine Fehlermeldung auf dem Bildschirm. Wenige Minuten später rufen drei weitere an. Das Helpdesk-System ist nicht erreichbar. Der IT-Leiter wird informiert und stellt fest, dass auf dem Dateiserver statt der üblichen Ordner hunderte Dateien mit der Endung „.encrypted” vorhanden sind, dazu eine Textdatei: „Your files have been encrypted. Contact [E‑Mail-Adresse] within 72 hours.”
Erste Überprüfung: Active Directory ist noch erreichbar. E‑Mail-System: nicht erreichbar. ERP-System: nicht erreichbar. Backup-Repository: Status unbekannt, der Backup-Server antwortet nicht auf Ping.
Zeitpunkt: 07:15 Uhr. Arbeitsschicht beginnt in 45 Minuten.
Phase-A-Fragen (erste Reaktion):
Wer trifft die Entscheidung, ob die Arbeitsschicht wie geplant beginnt oder ob Mitarbeiter nach Hause geschickt werden?
Welche Systeme müssen sofort isoliert werden, und wer hat die Befugnis dazu?
Wie lautet die erste interne Kommunikation? An wen? In welcher Form (Mail ist möglicherweise ausgefallen)?
Wann wird der Geschäftsführer informiert, und durch wen?
Phase-B-Fragen (Eskalation):
Das Backup-Repository ist kompromittiert. Was bedeutet das für die Recovery-Zeit-Schätzung?
Haben Sie ein Air-Gap-Backup, auf das der Angreifer keinen Zugriff hatte? Wissen Sie, wie aktuell dieses ist?
Ein externes IT-Forensik-Unternehmen soll hinzugezogen werden. Wer entscheidet das? Haben Sie bereits einen Vertrag?
Wann und wie wird der Vorfall dem BSI gemeldet? (§32BSIG in der Fassung des NIS2UmsuCG: Erstmeldung erheblicher Sicherheitsvorfälle binnen 24 Stunden, ausführliche Meldung binnen 72 Stunden, Abschlussbericht nach einem Monat)
Wann und wie werden betroffene Kunden informiert? Wer formuliert die Nachricht?
Die Angreifer haben eine Lösegeldforderung gestellt. Wer entscheidet, ob gezahlt wird, und nach welchen Kriterien?
Phase-C-Fragen (Wiederherstellung):
In welcher Reihenfolge werden Systeme wiederhergestellt? Wer hat das entschieden?
Das ERP-System braucht voraussichtlich 36 Stunden für den Restore. Die Produktion steht. Welche manuellen Notfallprozesse greifen?
Wann ist der Vorfall „beendet”? Woran erkennen Sie das?
Was passiert mit Daten, die zwischen dem letzten Backup und dem Angriff entstanden sind?
Szenario 2: Supply-Chain-Angriff über einen kompromittierten Dienstleister #
Schwierigkeitsgrad: Hoch | Empfohlen für: Zweites TTX, NIS2-pflichtige Unternehmen
Szenario-Text:
Es ist Donnerstag, 14:30 Uhr. Sie erhalten einen Anruf von Ihrem Managed-Service-Provider: „Wir haben ein Sicherheitsproblem in unserer Umgebung. Wir gehen davon aus, dass Kundensysteme betroffen sein könnten. Wir empfehlen, den VPN-Zugang zu unserer Umgebung sofort zu sperren.”
Zwei Stunden später: Drei Ihrer Server zeigen ungewöhnliches Verhalten. Auf einem Datenbankserver werden automatisiert Daten an eine externe Adresse übertragen. Das Backup-System, das der MSP verwaltet, ist nicht erreichbar.
Zeitpunkt: 16:45 Uhr. In 15 Minuten beginnt ein Kundentermin mit einem Ihrer größten Kunden, bei dem auch Zugriff auf gemeinsam genutzte Systemdaten geplant ist.
Phase-A-Fragen (erste Reaktion):
Wird der Kundentermin stattfinden? Wenn ja: Wie verhalten Sie sich, ohne die Situation preiszugeben?
Welche Verbindungen zum MSP müssen sofort getrennt werden? Wer tut das, der MSP oder Ihre IT?
Wie beurteilen Sie die Verlässlichkeit der Informationen, die der MSP Ihnen gibt? Hat er Interesse daran, das Ausmaß kleinzureden?
Welche Systeme betreiben Sie komplett eigenständig, ohne MSP-Beteiligung?
Phase-B-Fragen (Eskalation):
Der MSP hat Zugang zu Ihren Backup-Systemen gehabt. Wie verlässlich sind Ihre Backups noch?
Haben Sie Audit-Logs, aus denen hervorgeht, welche Aktionen der MSP in Ihrer Umgebung durchgeführt hat?
Was sind Ihre vertraglichen Ansprüche gegenüber dem MSP? Haben Sie Audit-Rechte?
Besteht eine -Meldepflicht? (Datenübertragung an externe Adresse, möglicherweise personenbezogene Daten)
Informieren Sie den Kunden, der in 15 Minuten zum Termin erscheint? Was sagen Sie ihm?
Phase-C-Fragen (Wiederherstellung):
Können Sie die Systeme ohne MSP-Unterstützung wiederherstellen? Haben Sie Zugang zu allen notwendigen Daten und Dokumentationen?
Wie tauschen Sie den MSP mittelfristig aus, und welche Abhängigkeiten müssen zuerst aufgelöst werden?
Was ändern Sie in der Lieferantenbewertung und im Supplier-Monitoring?
Szenario 3: Insider-Threat, Sabotage durch einen ehemaligen Mitarbeiter #
Schwierigkeitsgrad: Sehr hoch | Empfohlen für: Fortgeschrittene TTX,
Szenario-Text:
Es ist Montag, 09:00 Uhr. Dem IT-Team fällt auf, dass in der Nacht von Freitag auf Samstag mehrere Backup-Jobs still abgebrochen wurden, ohne Alarmierung, weil das Monitoring-System gleichzeitig deaktiviert wurde. Außerdem fehlen drei Wochen Backup-Generationen: Die Jobs wurden als „erfolgreich” protokolliert, haben aber keine Daten gespeichert.
IT-Forensik ergibt: Ein Administratorkonto, das einem Mitarbeiter gehörte, der das Unternehmen vor sechs Wochen verlassen hat, hat die Manipulation durchgeführt. Das Konto wurde nach dem Ausscheiden nicht deaktiviert.
Aktuelle Backup-Situation: Das letzte valide Backup ist fünf Wochen alt. Alle neueren Backups sind leer.
Phase-A-Fragen (erste Reaktion):
Welcher Datenverlust ist eingetreten? Wie bewerten Sie das Ausmaß?
Warum war das Konto sechs Wochen nach dem Ausscheiden noch aktiv? Was sagt Ihr Offboarding-Prozess dazu?
Wer außer dem ehemaligen Mitarbeiter wusste von diesem Konto?
Phase-B-Fragen (Eskalation):
Haben Sie eine DSGVO-Meldepflicht? (Die Datenintegrität ist möglicherweise betroffen)
Liegt ein Straftatbestand vor? (§202a StGB: Ausspähen von Daten; §303b StGB: Computersabotage) Wird Strafanzeige gestellt, und wann?
Wie kommunizieren Sie den Vorfall intern, ohne Panik zu erzeugen?
Welche anderen inaktiven Konten existieren möglicherweise in Ihrer Umgebung? Haben Sie ein Inventar?
Phase-C-Fragen (Wiederherstellung):
Die letzten fünf Wochen Daten fehlen. Welche Daten können aus anderen Quellen (Transaktionslogs, E‑Mail-Anhänge, externe Systeme) rekonstruiert werden?
Haben Sie ein Air-Gap-Backup, das die Manipulation nicht mitgemacht hat, weil es physisch isoliert war?
Was ändern Sie im Benutzer-Offboarding-Prozess? In der Backup-Überwachung?
5. Auswertungsrahmen: Was nach dem TTX passiert #
→ IT-Resilienz: Leitfaden für widerstandsfähige IT (/de/blog/it-resilienz-leitfaden/) → Von Stufe 2 auf Stufe 4: Der effizienteste Weg zur Resilienz (/de/blog/von-stufe-2-auf-stufe-4-resilienz/) → Audit-Vorbereitung NIS2: Checkliste für IT-Leiter (/de/blog/audit-vorbereitung-nis2-checkliste/) → Incident Response Plan erstellen: Vorlage und Anleitung (/de/blog/incident-response-plan-vorlage/) → Air Gap als Resilienz-Layer: Warum Tier 2 über alles entscheidet (/de/blog/air-gap-resilienz-layer/)
KRITIS
KRITIS bezeichnet Organisationen und Einrichtungen, deren Ausfall oder Beeinträchtigung zu erheblichen Versorgungsengpässen oder Gefährdungen der öffentlichen Sicherheit führen würde — KRITIS-Betreiber unterliegen nach §8a BSI-Gesetz verschärften Anforderungen an IT-Sicherheit und müssen diese alle zwei Jahre gegenüber dem BSI nachweisen.
KRITIS bezeichnet Organisationen und Einrichtungen, deren Ausfall oder Beeinträchtigung zu erheblichen Versorgungsengpässen oder Gefährdungen der öffentlichen Sicherheit führen würde — KRITIS-Betreiber unterliegen nach §8a BSI-Gesetz verschärften Anforderungen an IT-Sicherheit und müssen diese alle zwei Jahre gegenüber dem BSI nachweisen.
Ein Air Gap ist die physische Unterbrechung jeder Netzwerkverbindung zwischen einem Backup-System und der übrigen IT-Infrastruktur, sodass das System im Offline-Zustand keine adressierbare Netzwerkschnittstelle besitzt und damit für Ransomware und Angreifer unerreichbar ist.
Die DSGVO (Datenschutz-Grundverordnung, EU 2016/679) ist die europäische Regulierung zum Schutz personenbezogener Daten — für IT-Infrastruktur besonders relevant in Art. 5 (Grundsätze), Art. 17 (Recht auf Löschung), Art. 28 (Auftragsverarbeiter) und Art. 32 (Sicherheit der Verarbeitung).
Die DSGVO (Datenschutz-Grundverordnung, EU 2016/679) ist die europäische Regulierung zum Schutz personenbezogener Daten — für IT-Infrastruktur besonders relevant in Art. 5 (Grundsätze), Art. 17 (Recht auf Löschung), Art. 28 (Auftragsverarbeiter) und Art. 32 (Sicherheit der Verarbeitung).
Die DSGVO (Datenschutz-Grundverordnung, EU 2016/679) ist die europäische Regulierung zum Schutz personenbezogener Daten — für IT-Infrastruktur besonders relevant in Art. 5 (Grundsätze), Art. 17 (Recht auf Löschung), Art. 28 (Auftragsverarbeiter) und Art. 32 (Sicherheit der Verarbeitung).
Disaster Recovery bezeichnet die strukturierten Prozesse und technischen Maßnahmen, die sicherstellen, dass IT-Systeme nach einem schwerwiegenden Ausfall — Ransomware-Angriff, Hardwareversagen, Rechenzentrumsausfall — innerhalb definierter Zeitrahmen (RTO) mit maximalem Datenverlust (RPO) wiederhergestellt werden können.
Dieser Beitrag wurde redaktionell erstellt und mit KI-Unterstützung aufbereitet. Er gibt einen allgemeinen Überblick und stellt keine Rechtsberatung dar – für Ihre konkrete Situation empfehlen wir professionellen Rat.